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Indien: Der „vergessenen Kinder“ gedenken

Direktor Christian Reiser besucht Lutherische Kirchen in Indien

Die heutigen Herausforderungen in Indien in religiöser, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht  sind  Thema einer Partnerkonsultation des Indischen Lutherischen Kirchenbunds. Zu der Tagung in Andhra Pradesh im Februar ist auch Gossner-Direktor Christian Reiser eingeladen. Zuvor besucht er die Gossner Kirche in Ranchi. Bei der Partnerkirche stehen das Martha-Kindergartenprogramm und ein Besuch der Festivitäten in Bilsering auf seinem Reiseplan. In Bilsering wird alljährlich des Schicksals „der vergessenen Kinder“ gedacht, die 1857 ihres Glaubens wegen vor einer wütenden Menschenmenge fliehen mussten.


Sie waren auf der Flucht vor einer aufgebrachten Menschenmenge, verzweifelt und ohne Eltern im Dschungel unterwegs – und dann erreichten sie den Fluss mit seinen wilden Fluten, der vom Monsun aufgepeitscht war. Ihre Situation schien völlig ausweglos... Einhundert  Kinder wurden vor 160 Jahren in Indien wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt. Ihr Schicksal geriet bald in Vergessenheit.

Rückblick. 1857. Im britischen Indien, vor allem im Militär, herrscht Unzufriedenheit mit den Kolonialherren. Die Bewegung erfasst bald den ganzen Nordwesten Indiens und erfasst auch Ranchi, das Zentrum der Arbeit der Gossner Mission. Im November 1845 waren die ersten Missionare in Ranchi angekommen und hatten mit ihrer Arbeit unter den verachteten und diskriminierten Ureinwohnern (Adivasi) begonnen. 1850 wurden die ersten beiden Familien getauft, bald danach viele weitere.

Das ist den örtlichen Landbesitzern ein Dorn im Auge; sie fürchten mit Recht, dass die christliche Erziehung und Schulbildung dazu führen könnte, dass die Adivasi gegen die Ausbeutung durch die Grundbesitzer rebellieren. So kommt ihnen der Aufstand des Militärs sehr gelegen, und sie nutzen die Gelegenheit, die Bevölkerung gegen die kleine Gruppe der Christen aufzustacheln. Die Missionare müssen nach Kalkutta fliehen; die Adivasi-Christen werden bedroht und verprügelt, sie sollen ihrem Glauben abschwören. Die Kirche in Ranchi wird verwüstet, Bänke und Altar zerstört.

In dieser aufgeheizten Stimmung wollen LehrerInnen in Ranchi eine Gruppe von etwa einhundert Schulkindern aus der Stadt bringen. Die Fliehenden kommen etwa 30 Kilometer südlich von Ranchi bei Bilsering an den reißenden Karo-Fluss; sie retten sich auf die Inseln. Einige der Kinder sterben dort in den folgenden Wochen an Hunger und Erschöpfung. Die Mehrheit der Mädchen und Jungen aber wird gerettet, denn der umgestürzte Baum, über den die Kinder auf die Insenl gelangt sind, wird von den Fluten weggerissen, sobald sie sicher Land unter den Füßen spüren. So können ihnen die Verfolger nicht auf die Inseln folgen. Als sich die politische Situation wochen beruhigt, ist der Fluss schon abgeschwollen und die Kinder kehren nach Ranchi zurück.

Lange Zeit war dieses Ereignis vergessen; doch seit einigen Jahren gedenkt die Gossner Kirche feierlich des Schicksals der „vergessenen Kinder von Bilsering“.

Gossner-Direktor Christian Reiser wird im Rahmen seiner Indien-Reise in diesem Jahr erstmals an den Feierlichkeiten teilnehmen.
(Berlin, 25.01.2019)
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